BIP: An diese drei Buchstaben sind vielfältige Bedeutungen geknüpft. Das Bruttoinlandsprodukt ist unser wichtigster Indikator für wirtschaftliches Wohlergehen. Es ist das Thema von Konferenzen und um Antworten ringender Leitartikel. Es ist die Messgröße, mit der Erfolg oder Misserfolg einer Regierungspolitik beurteilt wird.

Bei der Allgegenwärtigkeit des BIP im öffentlichen Leben kann man leicht vergessen, dass es kein natürlich vorkommendes Phänomen ist, sondern eine menschliche Erfindung wie Schokoladenkuchen oder der Verbrennungsmotor. Und wie ein altes Auto, das über die Autobahn trudelt, tut sich das BIP schwer, mit den Anforderungen der modernen Welt Schritt zu halten.

Während sich die Investitionen in Dienstleistungssektoren und digitale Vermögenswerte verlagern, ist das BIP nicht in der Lage, ein genaues Bild der Konjunkturleistung zu zeichnen. Es berücksichtigt nicht die Verteilung wirtschaftlicher Gewinne, was erklären könnte, warum die westlichen Regierungen die populistischen Stimmabgaben der letzten Jahre nicht vorhergesehen haben. Wird es also Zeit, das BIP zu ersetzen? Oder bleibt es trotz seiner Mängel ein unverzichtbares Instrument?

„Wenn man Ausgaben und Einnahmen bewerten will, bleibt das BIP die relevanteste Statistik. Aber es ist nicht perfekt“, sagt Stewart Robertson, Senior Economist und Experte für Großbritannien und Europa bei Aviva Investors. „Es ist ziemlich einfach, die Anzahl der Produkte zu messen, die aus einer Fabrik kommen, die Quantifizierung des wirtschaftlichen Wertes, der von der digitalen und kreativen Industrie produziert wird, hingegen ist viel schwieriger. In einer Wirtschaft, die sich in diese Richtung entwickelt, ist die Frage, ob das BIP überhaupt noch zweckmäßig ist, völlig legitim.“

Eine kurze Geschichte des BIP

Das BIP ist eine relativ neue Entwicklung. Die ersten umfassenden Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen wurden durch den russisch-amerikanischen Ökonomen Simon Kuznets erstellt, der in den 1930er Jahren in der Regierung von US-Präsident Franklin D. Roosevelt tätig war.

Roosevelts Vorgänger Herbert Hoover hatte sich bei der Messung der wirtschaftlichen Auswirkungen des Börsenkrachs an der Wall Street im Jahr 1929 auf lückenhafte Daten wie Börsenindizes und Beladung vom Güterwagen gestützt. Doch Kuznets entwickelte eine genauere Messgröße, welche die gesamte Produktion einer Nation in einer einzigen Zahl darstellen konnte. Er und sein kleines Team reisten durch Amerika und besuchten Fabriken und landwirtschaftliche Betriebe, um Interviews zu führen und Daten zu sammeln. 1934 legte er seinen ersten Bericht vor, der eine schockierende Tatsache enthüllte: Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten hatte sich seit dem Crash fast halbiert.1

Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs war das BIP für die US-Regierung eine nützliche Methode zur Messung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Nation - und der Wahrscheinlichkeit eines militärischen Sieges. Kuznets arbeitete im Planungsausschuss des War Production Board und hatte möglicherweise Einfluss auf den Zeitpunkt des Eintritts Amerikas in den Krieg, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass es für die USA besser wäre, ihre Beteiligung aufzuschieben.2

Etwa zur gleichen Zeit leistete der britische Ökonom John Maynard Keynes auf der anderen Seite des Atlantiks ähnliche Arbeit. Keynes’ entscheidender Beitrag war, die Staatsausgaben in die Berechnungen über den Umfang der Wirtschaft einzubeziehen. Aufbauend auf die Keynesianischen Theorien verwendeten Regierungen in der Nachkriegszeit die Statistiken der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zur Erstellung von ökonometrischen Modellen, um die Auswirkungen politischer Entscheidungen mithilfe der sogenannten fiskalischen Multiplikatoren zu projizieren. Das BIP wurde zu einem wichtigen makroökonomischen Steuerungsinstrument.

Wachstum und Wohlstand

Das BIP vermittelt kein genaues Bild von der Wirtschaftsleistung

Es gibt drei wesentliche Methoden zur Messung des BIP: Produktion, Einnahmen oder Ausgaben. Die bekannteste Methode verwendet die Ausgaben nach der Formel BIP = C + I + G + (X - M), Verbraucherausgaben plus Bruttoinvestitionen plus Staatsausgaben plus Exporte minus Importe. Aber hinter dieser scheinbar einfachen Gleichung verbergen sich viele Komplexitäten.

So unterliegen Schätzungen der Verbraucherausgaben einer saisonalen Anpassung, um Schwankungen im Laufe eines Jahres auszugleichen. Wie andere Nachfragekomponenten werden die BIP-Daten anhand eines allgemeinen Preisindex oder Deflators inflationsbereinigt. Es sind weitere Anpassungen erforderlich, damit man vergleichen kann, wie es um verschiedene Volkswirtschaften bestellt ist; daher sind Umrechnungskurse für die Kaufkraftparität (PPP) erforderlich.

Die endgültige BIP-Zahl beinhaltet daher viele Anpassungen, Schätzungen und Berechnungen auf der Grundlage früherer Erkenntnisse, so Robertson. „Sie messen einen Nominalwert und ermitteln daraus einen Preisindex und verwenden den Preisindex, um einen Realwert zu ermitteln. Das ganze Verfahren ist ziemlich unübersichtlich und beinhaltet viele mögliche Fehlerquellen. 1996 stellte die Boskin-Kommission in den USA fest, dass der Verbraucherpreisindex (CPI) die Inflation um 1,1 Prozentpunkte pro Jahr überbewertet hatte, so dass die Produktion höher als bisher angenommen war.“

Trotz dieser Probleme haben die Regierungen des 20. Jahrhunderts das BIP als eine gute Methode zur Beurteilung der Gesundheit ihrer Volkswirtschaften und als einen praktikablen Indikator für den allgemeinen Lebensstandard betrachtet. Ein starkes Wachstum in der Nachkriegszeit ging Hand in Hand mit mehr Beschäftigung, höheren Einkommen, einem umfangreicheren Angebot an Konsumgütern und zahlreichen Innovationen - was der britische Premierminister Harold Wilson als die „Gluthitze der neuen Technologie“ bezeichnete. Die Untersuchungen von Nicholas Oulton an der London School of Economics wiesen nach, dass das höhere Pro-Kopf-BIP auch positiv mit einer geringeren Säuglingssterblichkeit und einer längeren Lebenserwartung (siehe Abb. 1) korreliert war.3

Was ist „in“ und was ist „out“?

Dennoch ist das BIP ein unvollkommenes Maß für das allgemeine Wohlergehen einer Nation. In seinem jüngsten Buch The Growth Delusion, Financial Times kritisiert der Journalist David Pilling den „Wachstumskult“ und argumentiert, dass die Fixierung der Politiker auf das BIP problematisch sei. Er weist darauf hin, dass das BIP-Wachstum von einem ständigen Anstieg des menschlichen Verbrauchs abhängt, der nicht wieder gutzumachende Umweltschäden verursachen könnte.

Pilling weist auch darauf hin, dass das BIP zahlreiche moralisch fragwürdige Praktiken in seine Messungen einbezieht. Kuznets war der Ansicht, dass das BIP nur Aktivitäten umfassen sollte, die zum Wohlergehen der Menschen beitragen. Heutzutage können jedoch sogar Krieg, organisierte Kriminalität und Naturkatastrophen die Produktion ankurbeln.

Zusammen mit BIP-basierten Ausgabenzielen können die Einbeziehung dieser Faktoren zu absurden Ergebnissen führen. 2015 berichtete die FT, dass ein Anstieg des illegalen Drogenhandels und des Sexgeschäfts im Vereinigten Königreichs im Vorjahr 9,7 Milliarden Pfund zum BIP beigetragen habe; am selben Tag beinhaltete der Leitartikel eine Diskussion über Großbritanniens Versprechen, die Verteidigungsausgaben bei zwei Prozent des BIP festzuschreiben. Ein Leserbrief stellte ironisch fest: „Wenn die Prostituierten nur etwas härter arbeiten würden, könnten die Streitkräfte ein paar mehr Gewehre haben.“4

Wenn das BIP Erträge aus illegalen Tätigkeiten einbezieht, lässt es aber gleichzeitig auch eine Reihe von Aktivitäten außer Acht, die die Gesellschaft als nützlich erachtet, wie unbezahlte soziale Betreuung, Kindererziehung und Hausarbeit. Im Jahr 2000 schätzten britische Ökonomen, dass in diesem Jahr der Wert der gesamten unbezahlten Hausarbeit 877 Milliarden Pfund oder etwa 45 Prozent der gesamten Wirtschaftstätigkeit des Landes betrug.5

Abgesehen von den Diskussionen darüber, was zu berücksichtigen ist, kann es Probleme beim Abruf der relevanten Daten geben, insbesondere in Schwellenländern, in denen große Teile der wirtschaftlichen Aktivität für die Statistiker der Zentralregierung unsichtbar sind.

Im Jahr 2014 beispielsweise gab Nigeria die Ergebnisse einer dreijährigen statistischen Umfrage bekannt, in der festgestellt wurde, dass die Wirtschaft um 90 Prozent größer war als bisher angenommen wurde. Das Land überholte Südafrika über Nacht als größte Volkswirtschaft des Kontinents, seine Schuldenquote sank rapide und die dortigen Märkte zogen sofort mehr ausländische Investitionen an. Der Alltag der Menschen, die kleine ländliche Unternehmen betreiben, deren wirtschaftlicher Beitrag in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verspätet verbucht wurde, änderte sich dadurch allerdings nur unerheblich.6

Die Wirtschaft der nicht greifbaren Güter

gdp per capita graph

Die Messung des BIP wird in den Industrieländern zunehmend schwieriger, da die Produktion durch Dienstleistungen als Hauptmotor des Wachstums ersetzt werden. Es ist viel einfacher, die Produktion einer Fabrik zu messen, die zählbare Objekte herstellt, als ein Dienstleistungsunternehmen zu bewerten, das sich auf Beratung oder Produktdesign spezialisiert hat.

Das BIP erfordert viele Anpassungen, Schätzungen und Prognosen

Das Wachstum der Investitionen in immaterielle Vermögenswerte wie Daten, Design und Fachwissen verschärft dieses Problem nur noch. Viele Spitzenunternehmen setzen heute auf digitale Plattformen mit kaum einer physischen Präsenz: Airbnb, der weltweit größte Anbieter von Unterkünften, besitzt kaum Immobilien, Während Uber, das weltweit größte Taxiunternehmen, hat kaum Fahrzeuge in seinem Portfolio hat.

Jonathan Haskel, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Imperial College London, der im September Mitglied des Ausschusses für Geldpolitik der Bank of England wird, untersuchte in seinem gemeinsam mit Stian Westlake verfassten Buch Kapitalismus ohne Kapital den Aufstieg der unsichtbaren Wirtschaft.7 Er behauptet, dass das BIP die Aktivitäten von Unternehmen, die sich auf immaterielle Leistungen konzentrieren, nicht genau erfasst.

„Wenn wir die Wirtschaft über das BIP verfolgen wollen, insbesondere wenn sie sich in Auf-oder Abschwungphasen befindet, müssen wir die immateriellen Vermögenswerte besser messen. Und da es bei vielen immateriellen Gütern um Produktverbesserung geht - denken Sie an Ausgaben für Design und Branding - müssen wir sicher sein, dass wir neue Produkte und ihre Preise messen, wenn wir das BIP betrachten.

„Wenn wir auf den allgemeinen Standard schauen, spielen alle diese Faktoren ebenfalls eine Rolle: Bei der Messung des Wohlergehens der Verbraucher und der Reichweite ihrer Kaufkraft müssen wir sicher sein, dass wir wirklich alles erfassen, was sie potenziell kaufen können“, fügt Haskel hinzu.

Es ist wahrscheinlich, dass ein Teil des wirtschaftlichen Beitrags von Technologieunternehmen nicht erfasst wird, was bedeuten könnte, dass wir das Gesamtwachstum unterschätzen. Dann wiederum sind bestimmte Aspekte der immateriellen Wirtschaft wahrscheinlich schlecht für das BIP. Arbeitsplätze, an denen früher bezahlte Mitarbeitern saßen, werden automatisiert. Airbnb benötigt zum Beispiel keine Hotelmitarbeiter oder Mitarbeiter am Empfang; Kunden führen ihre eigenen Buchungen durch und tragen ihre Koffer selbst aufs Zimmer - wirtschaftlich gesehen haben sich diese Rollen in Bereiche außerhalb der ‚Produktionsgrenze‘ verschoben.

Will Page, Leiter der Wirtschaftabteilung bei Spotify, formuliert das so: „Statistisch gesehen besteht das Ziel disruptiver Technologieunternehmen darin, das BIP zu senken und Transaktionskosten, die gemessen werden, zu eliminieren und sie durch angenehme Vereinfachungen zu ersetzen, die nicht gemessen werden. Die Wirtschaft schrumpft, trotzdem steht jeder besseres das“8

Der steigende Populismus

Aber macht wirklich jeder ein besseres Geschäft? Seit der Jahrhundertwende haben neue Technologien eine Reihe begehrter Gadgets für Verbraucher geschaffen, die unser Leben bequemer gemacht haben, aber die Unzufriedenheit mit dem Zustand der westlichen Volkswirtschaften wächst. Das Brexit-Votum in Großbritannien und die Wahl Donald Trumps in den USA wurden weithin auf ein Gefühl der Sinnlosigkeit bei Wählern zurückgeführt, die nicht von den Früchten des Wirtschaftswachstums profitieren konnten.

Regierungen, die sich auf das BIP als ihren wichtigsten Wirtschaftsindikator verlassen, haben dabei möglicherweise grundlegende Trends übersehen. Das BIP war nie dazu bestimmt, die wirtschaftliche Verteilung zu messen: Es misst einfach die Größe des Kuchens, nicht die Art und Weise, wie er verteilt wird. Nach Ansicht einiger Experten könnte das Versäumnis der politischen Entscheidungsträger, den Anstieg des Populismus zu antizipieren, das Ergebnis ihrer Abhängigkeit von den wichtigsten BIP-Zahlen inmitten der sich schnell verändernden Dynamik der modernen Wirtschaft sein.

Beitrag illegaler Drogen und des Sexgeschäfts zum BIP des Vereinigten Königreichs 2015: 9,7 Mrd GBP

„Hätte das Office for National Statistics in Großbritannien in der Vergangenheit mehr Ressourcen in die Erhebung regionaler und differenzierterer geografischer Statistiken investiert, hätten wir gewusst, dass einige Teile des Landes schon seit etwa 10 Jahren nicht mehr vom Anstieg des BIP profitiert haben. Alles konzentrierte sich auf den Südosten des Landes“, sagt Diane Coyle, Bennett-Professorin für Public Policy an der Cambridge University und Autorin von GDP; A Brief but Affectionate History. „Wir glauben, dass wir nur messen, was wir sehen, aber tatsächlich ist es genau umgekehrt: Wir sehen das, was gemessen wird.“

In einem kürzlich mit Benjamin Mitra-Kahn verfassten Papier plädiert Coyle für eine zweistufige Reform des BIP: Zunächst sollte das BIP geändert werden, um immaterielle Vermögenswerte aufzunehmen, unproduktive finanzielle Investitionen zu eliminieren und die Einkommensverteilung zu berücksichtigen. Schließlich sollte das BIP durch ein „Dashboard“ ersetzt werden, das den „Zugang“ zu sechs wichtigen Vermögenswerten erfasst: Sachanlagen, natürliches Kapital, Humankapital, soziales und institutionelles Kapital und Netto-Finanzkapital. Coyle und Mitra-Kahn argumentieren, dass dieser Ansatz dazu beitragen würde, jene Art von „Selbstgefälligkeit über die Wirtschaftsleistung“ zu vermeiden, die wir in letzter Zeit erlebt haben.9

„Wir sollten auf die Verteilungsfrage achten, selbst wenn wir die Statistiken nicht ändern“, sagt Coyle. „Wenn wir fragen, zu welchen Vermögenswerten Menschen Zugang haben, würden wir anfangen, über andere Dinge nachzudenken: Welche Verkehrsinfrastruktur steht den Menschen in Gebieten mit geringem Einkommen zur Verfügung? Wie sind die Schulen? Können sie das Humankapital aufbauen, um den Menschen die Chancen für ihr Leben zu geben, die sie brauchen? Man kann viel sinnvoller über die Verteilung nachdenken, wenn einem solche Zahlen zur Verfügung stehen.“

Alternativen zum BIP

Andere Experten sagen, dass es sich lohnt, trotz seiner Schwächen am BIP festzuhalten. Im Jahr 2017 teilten Coyle und Mitra-Kahns Papier den ersten Indigo-Preis für Wirtschaft mit einem Beitrag von Haskel und Kollegen, der besagt, dass viele der diskutierten Alternativen zum BIP das Kind mit dem Bade ausschütten. Obwohl das BIP in vielerlei Hinsicht Mängel aufweist, dient es politischen Entscheidungsträgern und Investoren immer noch als nützliches Barometer für die Wirtschaftsleistung und damit als Grundlage für eine effiziente Kapitalallokation.

Haskel und sein Team argumentieren, dass das BIP zwei zentrale Prinzipien der Messung erfüllt, welche den alternativen Ansätzen fehlt. Erstens vermeidet es Doppelzählungen, indem es nur die Wertschöpfung auf jeder Produktionsstufe misst (zum Beispiel zählt sie den Verkauf von Sandwiches, subtrahiert aber das Brot, das für ihre Herstellung verwendet wird). Zweitens stellt der Rückgriff auf die Preise sicher, dass die Artikel je nach ihrer relativen wirtschaftlichen Bedeutung zu einem bestimmten Zeitpunkt unterschiedlich gewichtet werden.10

Haskels Team argumentiert, dass wir am BIP festhalten sollten, es aber so reformieren sollten, dass sein Hauptfehler behoben wird, nämlich sein Versäumnis, immaterielle Vermögenswerte und das allgemeine Wohlergehen der Menschen zu berücksichtigen. Um sicherzustellen, dass die Nutzung „freier“ immaterieller Vermögenswerte wie Apps und Websites in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erfasst wird, befürwortet Haskels Team die Verwendung von Befragungen, um festzustellen, wie viel Verbraucher dafür bezahlen würden. Diese Befragungen haben ergeben, dass Benutzer bereit wären, 14 USD pro Monat zu bezahlen, um weiterhin Zugang zu Facebook zu haben, und sogar bis zu 1.300 USD pro Monat für Suchmaschinen.

Das BIP könnte auch auf ein umfassenderes menschliches und ökologisches Wohlergehen ausgeweitet werden. Der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung könnten neue Variablen hinzugefügt werden, um ein umfassenderes Bild des allgemeinen Wohlstands zu vermitteln, ohne dabei den Nutzen des BIP als Indikator für Wachstum, Investitionen und Wirtschaftsleistung zu beeinträchtigen. Beispielsweise könnten Freizeit und Lebenserwartung als Ergänzung zu den Verbrauchszahlen auf der Grundlage gemessen werden, dass mehr Einkommen keinen Nutzen bringt, wenn man keine freie Zeit hat, um es auszugeben.11

R.I.P. BIP?

Es gab Versuche, diese Art von Reformen in die Praxis umzusetzen. In den USA bezieht sich die Regierung des Bundesstaates Maryland jetzt auf einen Index mit dem Namen Genuine Progress Indicator (GPI), bevor sie ihre Haushaltsentscheidungen trifft.12  Der GPI ergänzt die BIP-Zahlen durch Variablen wie Freizeit und unbezahlte Hausarbeit und subtrahiert die ‚Regrettables‘, Negativfaktoren wie u. a. Umweltverschmutzung und Zeitaufwand für das Pendeln.

Einen ähnlichen Schritt ging 2013 das Australian Bureau of Statistics, das eine Maßzahl namens "Measures of Australias`s Progress (MAP) einführte, die neben traditionellen ökonomischen Größen auch Bildung, Gesundheit und gegenseitiges Vertrauen einbezieht. MAP zeigte, dass, obwohl die Wirtschaft und das Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen zehn Jahren stieg, das gegenseitige Vertrauen stagnierte und sich der Zustand der Umwelt verschlechterte.

Trotz dieser Innovationen wird es wahrscheinlich einige Zeit dauern, bis sich die Mehrheit der Staaten, Ökonomen und Investoren vom BIP abnabeln wird, vermutet Coyle. „Derzeit gibt es viel Interesse an Veränderungen, aber es ist ein bisschen wie eine technische Norm, wie das Fahren auf der linken Seite der Straße. Niemand wird auf der anderen Seite fahren, bis jemand anderes es vor ihm tut. Wenn Politiker anfangen zu sagen, dass das BIP nicht wichtig ist, würden alle Zeitungen kommentieren: „Sie sagen das natürlich nur, weil es nicht wächst.“

Diese Befragungen haben ergeben, dass Benutzer bereit wären, 14 USD pro Monat zu bezahlen, um weiterhin Zugang zu Facebook zu haben, und sogar bis zu 1.300 USD pro Monat für Suchmaschinen.

„Es muss also eine Art Konsens und genügend intellektuelle Munition geben, um auf etwas anderes umzusteigen, wie es bei der Einführung des BIP während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach der Fall war. Die Debatte darüber, auf was wir umstellen würden, läuft noch", fügt Coyle hinzu.

Gegenwärtig ist das BIP das beste Maß für den Zustand der Volkswirtschaften, den Fluss von Investitionen und den Wohlstand Pro-Kopf. Um Winston Churchills berühmte Beobachtung der Demokratie umzuformulieren: Das BIP ist nach wie vor die schlimmste Methode, Volkswirtschaften zu messen, abgesehen von allen anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden.

GDP could be extended to encompass broader human and environmental wellbeing

Quellenangaben:

  1. Diane Coyle, GDP: A brief but affectionate history (Princeton University Press, 2014)
  2. David Pilling, The Growth Delusion (Bloomsbury, 2018)
  3. ‘Hooray for GDP,’ CentrePiece magazine, London School of Economics, Winter 2012
  4. Op.cit.
  5. Ibid.
  6. ‘How Nigeria’s economy grew by 89 per cent overnight,’ The Economist, April 2014
  7. Jonathan Haskel and Stian Westlake, Capitalism without capital (Princeton University Press, 2017)
  8. Interview with Pilling, The Growth Delusion
  9. ‘Making the future count,’ Indigo Prize website, September 2017
  10. ‘Improving GDP: demolishing, repointing or extending?,’ Indigo Prize website, September 2017
  11. Ibid.
  12. ‘Maryland Genuine Progress Indicator,’ Maryland state government website
  13. ‘Measures of Australia’s Progress,’ Australian Bureau of National Statistics

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