Der Versicherer: Maurice Tulloch zu Klimarisiko, Versicherung und Schließen der Schutzlücke

Der CEO von Aviva spricht über die Schwierigkeiten bei der Modellierung des Klimarisikos, die Zukunft von öffentlich-privaten Partnerschaften und darüber, wie sich Gemeinden vor extremen Wetterbedingungen schützen können.

Klimabedingte Katastrophen nehmen weltweit zu. Wann sind Sie sich des Ausmaßes der Klimakrise bewusst geworden?

Maurice Tulloch, Aviva CEO
Maurice Tulloch, Aviva CEO

Das Ereignis, das mich wirklich erschreckt hat, war der Flächenbrand im kanadischen Fort McMurray, der im Mai 2016 begann. Wenn Sie schon einmal in diesem Teil der Welt gewesen sind, wissen Sie, dass in dieser Jahreszeit dort oft noch Schnee liegt. Aber im Mai 2016 überschritt die Temperatur an einigen Tagen die Marke von 30 Grad Celsius und der Boden war staubtrocken. Selbst wenn man 1’000 Jahre zurückginge, würde man so hoch im Norden keinen Frühling finden, der so warm gewesen wäre. Das Feuer zerstörte mehr als 3‘000 Häuser und Gebäude und mehr als 85‘000 Menschen mussten fliehen. Hier wurde das Ausmaß der Bedrohung deutlich.

Warum ist das Klimarisiko so schwierig zu modellieren?

Ein Teil der Ursache ist die starke Zunahme von extremen Mikroklimasystemen, die schwierig vorhersehbar sind. Nehmen wir z. B. die Überschwemmung in Hull im Jahr 2013, die mit einem niedrigen Luftdruck und einer Flut zusammenfiel, die das Wasser wieder landeinwärts drückte. Innerhalb von zwei Stunden wurde die Stadt überschwemmt. Wäre dies 320 km weiter südlich geschehen, hätte die Thames Barrier möglicherweise versagt.

Längerfristig hat der Klimawandel große Auswirkungen. Die Modellierung aller verschiedenen Szenarien ist extrem schwierig.

Längerfristig hat der Klimawandel große Auswirkungen. Es besteht das Risiko von Pandemien, da sich in den Tropen verbreitete Krankheiten weiter nördlich ausbreiten könnten, wo die Menschen nicht genügend Widerstandskraft gegen sie haben. Durch die Erwärmung der Ozeane werden Kaltwasserfischarten, von denen viele Regionen zwecks Nahrungsmittelversorgung abhängig sind, aussterben, sodass die Ernährungssicherheit zu einem Risiko wird. 

Einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass der Klimawandel sogar die Häufigkeit von Erdbeben erhöhen könnte, allerdings gibt es dazu eine heftige wissenschaftliche Debatte. Angenommen, Wissenschaftler weisen tatsächlich eine Verbindung nach: Stellen Sie sich vor, ein Erdbeben würde die Erdgasleitungen, die unter einer Großstadt verlaufen, zerstören. Wie lange würde es dauern, die Brände zu löschen? Der Schaden, den eine solche Katastrophe verursachen würde, ist fast unvorstellbar. Die Modellierung all dieser verschiedenen Szenarien ist extrem schwierig.

Wie würde die Versicherungsbranche mit einer klimabedingten Katastrophe in einer Großstadt umgehen?

Versicherer müssen genügend Kapital vorhalten, um die Verluste zu verkraften, die bei einer Art von Katastrophe, die alle 200 Jahre einmal auftritt, entstehen würden. Aber einige klimabedingte Katastrophen könnten weitaus kostspieliger sein.

Solvabilität II, der Regulierungsrahmen der Europäischen Union, schreibt vor, dass die Versicherer genügend Kapital vorhalten müssen, um die Verluste zu verkraften, die bei einer Art von Katastrophe, die alle 200 Jahre einmal auftritt, entstehen würden. Aber einige klimabedingte Katastrophen könnten weitaus kostspieliger sein, insbesondere wenn sie dicht besiedelte urbane Gebiete treffen.

Bei einem klimabedingten Vorfall, der das Stromnetz einer Großstadt lahmlegt, könnten die Grenzen der Versicherungen schnell erreicht sein. Auch wenn die Branche in diesem Fall vielleicht nicht bankrott geht, könnte es zu vielen Zahlungsausfällen kommen. Und obendrein haben sie ein Ansteckungsrisiko, weil die Branche Insolvenzgelder verwendet, um sich um Unternehmen zu kümmern, die zusammenzubrechen drohen. Diese Gelder könnten ebenfalls zur Neige gehen.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf den Versicherungsschutz?

In der Branche findet eine Art Wettrüsten statt, um mit Hilfe der Datenanalyse verschiedene Risiken effizienter zu erfassen und abzusichern. Das Problem ist, dass jede Versicherungsgesellschaft, ob groß oder klein, dieselben etwa zehn Prozent schwerer Risiken trägt, die problematisch zu versichern sind. Dazu gehören klimabedingte Risiken. Wenn eine Versicherung diese Klimarisiken nicht abdecken kann, könnte dies große Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben.

Halten Sie sich dies vor Augen: Weltweit wird kein Spaten in den Boden gestochen, es sei denn, ein Unternehmen verfügt über eine Bauversicherung. Niemand erhält eine Hypothek, wenn diese nicht abgesichert ist. Alles kommt zum Stillstand, wenn der Kapitaleigner nicht gegen das Unvorhersehbare versichert ist.

Diejenigen mit mehr Ressourcen werden in der Lage sein, sich bis zu einem gewissen Grad selbst zu versichern, aber diejenigen ohne Ressourcen werden dies nicht tun können.

Selbst dort, wo ein Versicherungsschutz verfügbar ist, wird er teurer werden, wodurch er für manche möglicherweise nicht mehr erschwinglich ist. In einer risikoreicheren Welt werden diejenigen mit mehr Ressourcen in der Lage sein, sich bis zu einem gewissen Grad selbst zu versichern, falls der Markt dies zulässt. Aber diejenigen ohne Ressourcen werden dies nicht tun können. Auf dem afrikanischen Kontinent besteht bereits eine große Schutzlücke, da dort ein massiver Bedarf an Mikroversicherungen besteht. Ich befürchte, dass die Klimakrise riesige Bereiche der Unversicherbarkeit schafft. Der Tag der Abrechnung wird kommen.

Müssen Regierungen einschreiten, um das Risiko zu teilen und die Schutzlücke zu schließen?

Öffentlich-private Partnerschaften könnten zur neuen Norm werden. Flood Re, die 2016 gegründete Partnerschaft zwischen dem britischen Staat und mehreren Versicherern, darunter Aviva, ist das beste Beispiel. Auslöser hierfür waren Überschwemmungen in Großbritannien Ende der 2000er- und Anfang der 2010er-Jahre. Es wird geschätzt, dass bis zu 350‘000 Haushalte in Zukunft entweder nur unter Schwierigkeiten eine Versicherung erhalten werden oder sich gar nicht versichern können, weshalb der Staat mit den Versicherern zusammenarbeitete, um den Versicherungsschutz zu verbessern.

Wie würde eine gegen den Klimawandel gewappnete Stadt bzw. Gemeinde aussehen?

Es geht um die Bereitschaft einer Gemeinde, auf ein klimabezogenes Ereignis zu reagieren. Angefangen bei den Häusern. Wenn Ihr Erdgeschoss überschwemmungsgefährdet ist, sind die Verlegung eines Keramikbodens und das Sicherstellen, dass sich die Elektrik auf mittlerer Höhe und nicht am Boden befindet, wichtige Vorkehrungen. In vielen Teilen der Welt werden Häuser normalerweise so gebaut, dass sie Windgeschwindigkeiten von 110 bis 130 km pro Stunde standhalten. Es gibt keinen Grund, keine Häuser zu bauen, die Windgeschwindigkeiten von 240 bis 270 km pro Stunde standhalten können.

Dasselbe Prinzip gilt für die Infrastruktur. Nehmen wir die Straßen. Die Verwendung von Schlacke anstelle von Kies als Grundmaterial kann die Widerstandsfähigkeit in Bezug auf Überschwemmungen verbessern. Die Kosten sind während des Baus inkrementell höher, aber es kostet doppelt so viel, wenn diese Probleme später behebt werden müssen.

Leider konzentrieren sich die Kapitalmärkte immer noch auf das nächste Quartal. Dieses kurzfristige Denken macht es schwierig, über Investitionen in die Zukunft nachzudenken. Vielleicht ist ein Umfeld mit längerfristig niedrigeren Zinssätzen von Vorteil, da die Menschen etwas mehr Geduld und eine höhere Zahlungsbereitschaft für Investitionen in die Infrastruktur aufbringen müssen, die auf längere Sicht einen nachhaltigeren Cashflow ermöglichen.

Sind Sie nach dem enttäuschenden Ergebnis der UN-Klimakonferenz im Dezember davon überzeugt, dass wir eine „Top-down“-Lösung für die Klimakrise sehen werden?

Ich habe das Gefühl, dass wir angesichts der Negativität, die von einigen der größten kohlenstoffemittierenden Länder ausgeht, Schwierigkeiten haben werden, die Art von Kompromiss zu erreichen, die notwendig ist.

Menschen fordern Maßnahmen, auch wenn ihre Regierungen skeptisch sind. Bewegung gibt es auf der lokalen Ebene.

Auf der anderen Seite ist es aber wirklich positiv, dass die Menschen Maßnahmen fordern, auch wenn ihre Regierungen skeptisch sind. Bewegung gibt es auf der lokalen Ebene. In den USA beispielsweise ist es inzwischen üblich, dass die Menschen im Voraus etwas mehr für ihr Haus bezahlen, um es autark zu machen. Viele Häuser nutzen heute Wind- und Sonnenenergie oder das Rinnsal eines nahe gelegenen Baches zur Stromerzeugung und geben den Strom ans Netz zurück, wenn sie ihn nicht benötigen. Das ist die Zukunft.

Was ist wirksamer, um einzelne Personen und Unternehmen zu ermutigen, Emissionen zu reduzieren – das Zuckerbrot (in Form von Anreizen) oder die Peitsche (anhand von Strafen für die schlimmsten Übeltäter)?

Das Zuckerbrot ist immer besser. Die Menschen müssen motiviert sein und leidenschaftlich an das glauben, was sie tun. Die Peitsche wurde in der Welt schon oft benutzt. Bei jungen Menschen, die sich für den Klimaschutz engagieren, sehen wir heutzutage eher eine positive Motivation und den Glauben an das, was richtig ist. 

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