Wird sich COVID-19 als Wendepunkt für ESG erweisen?

COVID-19 wirft ein neues Licht auf die Wechselwirkungen zwischen menschlichen und natürlichen Ökosystemen und die Verwundbarkeit einer eng vernetzten Welt. Die Experten für verantwortungsvolles Investieren bei Aviva Investors fragen sich, ob sich dies als Wendepunkt in Bezug auf die Aspekte Umwelt, Soziales und Governance erweisen wird.

Lesezeit: 4 Minuten

Will COVID-19 prove a watershed for ESG?

Der Ausbruch einer weltweiten Pandemie wirft viele tiefgreifende Fragen auf. Es ist unmöglich, die globale Gesundheitskrise und ihre Auswirkungen zu betrachten, ohne dabei ökologische, soziale und Governance-Faktoren (ESG-Faktoren) zu berücksichtigen.

Die unzähligen Fragen in Bezug auf Umwelt, Soziales und Governance, die sich aus COVID-19 ergeben, können nicht beantwortet werden, solange die Debatte noch in den Kinderschuhen steckt. In der Zwischenzeit wollen wir jedoch untersuchen, ob COVID-19 den Fortschritt beschleunigen oder verlangsamen wird, und uns auf die Bestandteile von ESG konzentrieren. 

Umwelt: Noch immer der größte Elefant im Raum 

Die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) hatte ESG schon vor COVID-19 im Visier – ein Weg zur „Operationalisierung“ der Nachhaltigkeit.1 Aufgrund der Pandemie wurden die Prüfungen intensiviert.

COVID-19 zeigt, wie ein Gesundheits- und Umweltproblem zu einem tiefgreifenden sozialen Problem werden kann

„COVID-19 zeigt, wie ein Gesundheits- und Umweltproblem zu einem tiefgreifenden sozialen Problem werden kann, das für Unternehmen und Länder gleichermaßen wesentliche Governance-Probleme mit sich bringt“, so Steve Waygood, Chief Responsible Investment Officer bei Aviva Investors. „Es zeigt, dass solche Probleme nicht an Landesgrenzen Halt machen. Es ist ein ESG-Stresstest für die Weltwirtschaft.“

Der Ursprung von COVID-19 wird heftig diskutiert. Es gehört zu einer wachsenden Gruppe von Zoonosen (Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden), die dadurch entstanden sind, dass Menschen in engen Kontakt mit anderen Lebensformen kommen.

Das unerbittliche Eindringen menschlicher Systeme in die verbliebenen natürlichen Lebensräume zwingt wilde Tiere zu immer engerem Kontakt mit uns

„Das unerbittliche Eindringen menschlicher Systeme in die verbliebenen natürlichen Lebensräume zwingt wilde Tiere zu immer engerem Kontakt mit uns. Damit geraten wir in Kontakt mit den Viren und Krankheiten, die diese Tiere in sich tragen können“, erklärt Rick Stathers, Senior ESG Analyst und Klimaexperte bei Aviva Investors. „Da jedoch nur noch 23 % der weltweiten Landmasse aus Wildnis bestehen und nur 5 % der tierischen Biomasse Wildtiere sind (95 % sind Menschen oder domestizierte Tiere), finden diese Arten immer weniger Rückzugsorte.“

In der ersten Phase der Reaktionen auf COVID-19 haben nur wenige Regierungen die Gelegenheit ergriffen, sofort auf eine Erholung der Umwelt hinzuarbeiten. Im Rahmen der ersten Welle wurden auch kohlenstoffintensive Sektoren unterstützt. „Die Regierungen müssen dafür sorgen, dass wir nach dieser Krise besser aufgestellt sind“, so Waygood. „Zum Beispiel sollten Hilfsleistungen für energieintensive Sektoren wie Öl und Gas, Autos, Chemikalien und Fluggesellschaften davon abhängig gemacht werden, dass sich die Unternehmen verpflichten, sich für den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Zukunft zu engagieren.“

Nachdem das Thema Nachhaltigkeit auf der Prioritätenliste von Politikern und Unternehmen vorerst nach unten gerutscht ist, stellt sich die Frage, ob die Entscheidungsträger nachhaltigen Initiativen Vorrang einräumen werden, wenn die Volkswirtschaften in die Erholungsphase eintreten.

Soziale Faktoren: Auf dem Weg zu einem integrativeren Kapitalismus

Im Hinblick auf soziale Erwägungen ist die seit langem geführte Debatte über den Zweck eines Unternehmens durch COVID-19 neu belebt worden. Wozu sind Unternehmen da? Sind sie - gemäß der berühmten These von Milton Friedman - nur dazu da, Gewinne zu erwirtschaften, Steuern zu zahlen und den Rest an die Aktionäre zu verteilen?2 Oder sollten sie ehrgeizigere Ziele verfolgen, die der Gesellschaft dienen oder sie sogar verbessern?

Der Plan sieht vor, alle kurzfristigen Gewinne wieder in die Forschung und in die Behandlung der Ärmsten in der Welt zu investieren.

Während der Krise war Zusammenarbeit das Gebot der Stunde. Im Pharmabereich wurden öffentliche und private Ressourcen gebündelt, um Impfstoffe zu finden, zu testen und schneller auf den Markt zu bringen. Zu den bemerkenswerten Bekanntmachungen der Unternehmen gehörte die Erklärung von Emma Warmsley, Chief Executive von GlaxoSmithKline und eine der bestbezahlten weiblichen Führungskräfte im FTSE 100, derzufolge das Unternehmen von einer Vielzahl von Kooperationen während der Pandemie „keine Profite erwartet“.3 Der Plan sieht vor, alle kurzfristigen Gewinne wieder in die Forschung und in die Behandlung der Ärmsten in der Welt zu investieren.

Initiativen wie diese könnten schliesslich dazu führen, dass kommerzielle Pharmaunternehmen Aktivitäten mit hohem sozialem, aber niedrigem kommerziellem Ertrag von ihrem breiteren Geschäft trennen. „Gegenwärtig sind kommerzielle und nichtkommerzielle Aktivitäten in einem einzigen Unternehmen vermischt“, sagt Mirza Baig, Global Head of Governance bei Aviva Investors. „Der derzeitige aggregierte Ansatz bedeutet, dass Bereiche mit niedriger Rendite die Konzernmargen und letztendlich die Bewertungen belasten.“

Die Debatte über den Beitrag der Banken, die eine wichtige Rolle im Dienst der Öffentlichkeit spielen können, indem sie die Liquidität und die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen aufrechterhalten, ist ebenfalls komplex. Dieses Mal haben die Regulierungsbehörden im Vereinigten Königreich und Europa versucht, Dividenden und Aktienrückkäufe einzufrieren, um das Kapital zu stützen. In den USA ist dies nicht der Fall. Diese Maßnahmen verbessern zwar die Möglichkeiten der Banken, das Finanzsystem zu untermauern. Sie haben jedoch weitreichende Auswirkungen für Pensionsfonds und andere Anleger, die langfristige Erträge anstreben. Eine Unterbrechung des Renditeflusses (Dividenden in Höhe von 45 Milliarden Euro für 2019 wurden von den europäischen Banken noch nicht ausgeschüttet4) ist für einige Anleger schmerzhaft.

Vor COVID-19 hatten bereits mehrere Banken Kampagnen und Strategien lanciert, die sich auf Unternehmenszwecke und Stakeholder-Kapitalismus bezogen. Kurz gesagt, eine Folge von COVID-19 ist, dass das „S“ in ESG endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient.

Governance: Durch die Krise steuern

Im Auge des Sturms sind Governance-Fragen von zentraler Bedeutung. Wie behandeln Unternehmen ihre Mitarbeiter? Wie hoch ist das angemessene Risiko, das dem Reinigungspersonal zugemutet werden kann, wenn eine Fluggesellschaft eine mit COVID-19 infizierte Person befördert?5 Welche Verantwortung haben lebensmittelverarbeitende Betriebe gegenüber ihren Verpackern6 oder Fulfillment-Unternehmen gegenüber ihren Kommissionierern?7 Und welcher Art wären die Rufschädigung und die rechtlichen Folgen für Unternehmen, die nichts gegen die Risiken unternehmen? An exponierten Stellen ist es bereits zu Arbeitskampfmaßnahmen gekommen. Beschäftigte im Lebensmittel- und Gesundheitswesen in den USA haben ihren Posten verlassen oder sich unter Wahrung des „sicheren Abstands“ Streikpostenketten angeschlossen.8

Die Schlüsselmitarbeiter, die an vorderster Front stehen, führen überwiegend relativ schlecht bezahlte Arbeiten aus

„Die Schlüsselmitarbeiter, die an vorderster Front stehen und effektiv den Betrieb am Laufen halten, führen überwiegend relativ schlecht bezahlte Arbeiten aus“, so Baig. „Es bleibt zu hoffen, dass nach der COVID-Krise darüber nachgedacht wird, welchen Wert wir den wirtschaftlichen und sozialen Beiträgen des Einzelnen zuschreiben und wie wir im Gegenzug eine gerechte Entlohnung festlegen.“

Ein Blick auf die Spitze der Unternehmenshierarchien zeigt einige deutliche Unterschiede in der Reaktion, die sich in der Vergütung der Mitglieder der Leitungs- und Aufsichtsorgane widerspiegelt. „Im FTSE 100 zum Beispiel reichen die Maßnahmen von Unternehmen, die alle Formen der Entlohnung (kein Gehalt, kein Bonus, keine Aktienzuteilungen) gestrichen haben, bis hin zu denen, die Gehaltserhöhungen und Boni einfach aufgeschoben haben, während andere es für angebracht hielten, überhaupt keine Maßnahmen zu ergreifen“, fügt Baig hinzu.

„Wir prüfen, ob wir dies Unternehmen zuordnen können, die Mitarbeiter entlassen haben, Unternehmen, die Dividenden gestrichen haben und Unternehmen, die staatliche Beihilfen beantragt haben. Wenn sich all diese Dynamiken entfalten, werden sich die Aktionäre eine Meinung darüber bilden, wer in dieser Krise verantwortlich gehandelt hat und wer nicht.“

Es kam zu wesentlichen finanziellen Konsequenzen für Unternehmen, die nach allgemeiner Auffassung in Bezug auf das Management versagt haben

Insbesondere kam es zu wesentlichen finanziellen Konsequenzen für Unternehmen, die nach allgemeiner Auffassung in Bezug auf das Management, einschließlich des Umgangs mit Steuerfragen, versagt haben. Zum Beispiel schloss die Feststellung, dass die Kreuzfahrtgesellschaft Carnival in den USA einen niedrigen einstelligen Zinssatz gezahlt hat, die Gesellschaft von staatlichen Beihilfen aus, so dass sie gezwungen war, sich nach anderen, teureren Finanzierungsformen umzusehen.9

Unternehmen, die von auffallend erfolgreichen Personen beaufsichtigt werden oder mit diesen verbunden sind und staatliche Beihilfen beantragt haben, erhielten unangenehme negative Aufmerksamkeit.10 Dies spielt in umfassendere Gespräche über Ungleichheit hinein, darüber, wie die Unterstützungsleistungen verteilt werden und ob die Gesellschaft so strukturiert ist, dass die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden.

COVID-19 hat die Bedeutung guter Governance hervorgehoben

Was bedeutet das für alle, die auf der Suche nach den Gewinnern unter den Unternehmen sind? Im Wesentlichen hat COVID-19 die Bedeutung guter Governance hervorgehoben. Es bietet eine Differenzierung zwischen den Unternehmen, die wesentliche Risiken verstehen und geeignete Schritte zu deren Minderung unternehmen und denjenigen, die in beiden Punkten versagt haben. 

Ein Wendepunkt?

Die Zeit wird zeigen, ob sich COVID-19 als Wendepunkt für ESG erweist. Nach dem, was wir bisher gesehen haben, scheint die Antwort ein begründetes „Ja“ zu sein. Die Krisenbedingungen haben die Bedeutung, die den ESG-Kennzahlen beigemessen wird, noch verstärkt und veranschaulichen eindrucksvoll, warum ein ganzheitlicher Ansatz beim Anlagerisiko wichtig ist.

Geschärftes Bewusstsein für die sozialen und finanziellen Kosten im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Art der zu bewältigenden umweltbezogenen und sozialen Probleme 

„Diejenigen, die sich gegen Veränderungen wehren oder nach einer Entschuldigung suchen, können sich hinter COVID-19 verstecken“, glaubt Baig. „Diejenigen, die eine aufgeklärtere Auffassung vertreten, sollten jedoch ein geschärftes Bewusstsein für die sozialen und finanziellen Kosten im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Art der zu bewältigenden umweltbezogenen und sozialen Probleme gewonnen haben. Natürlich wird es in nächster Zeit konkurrierende Interessen geben. Aber auf längere Sicht erwarten wir, dass diese Erfahrung das Engagement der Menschen für den Umgang mit diesen Problemen mobilisieren wird.“

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