In einer immer komplexeren Welt kommt es darauf an, die Zusammenhänge zwischen Menschen und Ideen zu verstehen. AIQ untersucht, wie Unternehmen vernetztes Denken in die Praxis umsetzen können.

Viele revolutionäre Innovationen, vom Radar über Laser und Solarzellen bis hin zu Kommunikationssatelliten, entstanden in den Bell Labs.

Bell Labs erkannte die Bedeutung der weniger greifbaren Verbindungen von Menschen und Konzepten. Mit ihrem interdisziplinären Ansatz und den frei gestaltbaren Organisationsstrukturen konnten die Bell Labs so schnell neue Ideen entwickeln, wie andere Unternehmen Widgets produzieren.

„Die Silizium-Solarzelle wurde von einigen wenigen Menschen geschaffen, die zufällig zusammenkamen. Es ging darum, dass die richtigen Leute am richtigen Ort und in der richtigen Umgebung am richtigen Problem arbeiten“, sagt Jon Gertner, Autor von The Idea Factory, die Geschichte von Bell Labs.

Menschen

Woher kommen neue Ideen? Vielleicht denken Sie da an das einsame Genie, das über einem Notebook oder einer Petrischale brütet. Tatsächlich sind großartige Ideen aber häufiger das Ergebnis von Netzwerken und von Zusammenarbeit als der Heureka-Moment eines Einzelnen.

Es ging darum, dass die richtigen Leute am richtigen Ort und in der richtigen Umgebung am richtigen Problem arbeitenEs ging darum, dass die richtigen Leute am richtigen Ort und in der richtigen Umgebung am richtigen Problem arbeiten

In seinem Buch Range stuft der Autor David Epstein zum Beispiel Darwin als Generalisten ein – und nicht als Spezialisten. Darwin war zunächst ein angehender Geistlicher. Der Wissenschaft wandte er sich relativ spät zu und profilierte sich als „querdenkender Integrator“. Seine Genialität bestand in seiner Neugier und seinem Talent, bestehende Ideen zu verbinden.

Solche Persönlichkeiten sind in großen und komplexen Organisationen von besonderem Wert. Dort können einzelne Experten in die gleiche Richtung arbeiten, ohne sich der Arbeit des anderen bewusst zu sein. Ein einflussreicher Wissenschaftler nannte dies „parallele Gräben ausheben“.1

Verbindungen herstellen kann im Finanzbereich äußerst nützlich sein. So brachte beispielsweise der CEO von Aviva Investors, Euan Munro, diesen Ansatz in seinen Anlageprozess ein. Denn er hatte die Kooperationsmethoden kennengelernt, die von OP-Teams in Krankenhäusern angewandt werden.

„Ein Kollege aus einer Medizinerfamilie beschrieb den Ablauf einer Operation. Der Chefarzt, der Anästhesist, der Arzt und die Oberschwester treffen sich, um die Krankenakte des Patienten zu prüfen. Diese ganz verschiedenen Disziplinen arbeiten zusammen an einem gemeinsamen Problem. Mir wurde klar, dass die Anlagewelt hinsichtlich dieser Art von vernetztem Denken schlecht aufgestellt war“, sagt er.

Munro nutzte diese Analogie, um einen Multi-Strategie-Ansatz für Makro-Investitionen zu entwickeln.

Gebäude

Anpassungsfähige, generalistische Fachleute einstellen und sie dann in weit voneinander entfernten Büros platzieren, wo sie nicht miteinander kommunizieren können ist wenig sinnvoll.

Anpassung der Arbeitsbereiche kann viel zur Produktivität beitragen. Denn dabei werden leistungsstarke Persönlichkeiten in die Nähe ihrer Kolleginnen und Kollegen gebracht.

Die Führungskräfte von Bell Labs waren sich bewusst, wie wichtig Gebäude für die Förderung von Innovationen sind. In der Mitte des Physikflügels auf dem Campus des Unternehmens in New Jersey führte ein 213 Meter langer Korridor an den Türen der Labors und Büros vorbei. Er wurde bewusst so konzipiert, dass man „ihn praktisch nicht ohne Begegnung mit vielen Bekannten, Problemen, Ablenkungen und Ideen entlanggehen kann“, schreibt Gertner in Die Ideenfabrik.

Moderne Technologieunternehmen haben andere Wege gefunden, um zufällige Treffen zwischen Experten zu ermöglichen und den kreativen Funken zu entfachen. Im Jahr 2013 untersuchten Google-Manager die Kantinen in den Büros des Unternehmens in San Francisco. Dabei stellten sie fest, dass Mitarbeiter in Warteschlangen eher mit den anderen Wartenden sprechen. Mit einem Experiment wollten sie herausfinden, wie viel Zeit die Baristas für die Zubereitung eines Kaffees idealerweise benötigen sollten. Lange genug, damit ein zufälliges Gespräch entsteht, aber nicht so lange, um koffeinbedürftige Mitarbeiter zu verärgern. (Die Antwort war vier Minuten.)

In ähnlicher Weise zeigen Studien, dass die Anpassung der Arbeitsbereiche – technisch gesagt die „Optimierung des räumlichen Managements“ – viel zur Produktivität beitragen kann. Denn dabei werden leistungsstarke Persönlichkeiten in die Nähe ihrer Kolleginnen und Kollegen gebracht.

Umgebung

Genauso wichtig wie die physische Gestaltung des Büros oder eines Gebäudekomplexes in einer Stadt ist die weniger fassbare Umgebung oder die Organisationskultur.

Ein guter Maßstab für eine gesunde Arbeitskultur ist, ob sich Meetings integrierend anfühlen. Tabitha Alwyn, Beraterin bei Alliance Coaching, hält es für wichtig, ein Gefühl von „psychologischer Sicherheit“ zu schaffen, wenn jeder mitmachen soll. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, Unterbrechungen zu verbieten. Denn Psychologen haben festgestellt, dass bei Unterbrechungen das Gehirn des Sprechers in den Kampf-oder-Flucht-Modus schaltet. Es reagiert also genauso wie auf eine physische Bedrohung. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, das Prozedere für Beiträge zu formalisieren. Damit hat jeder die gleiche Möglichkeit, sich zu äußern.

„Wir haben festgestellt, dass es die Atmosphäre in einer Gruppe auflockert, wenn die Teilnehmer am Anfang einer Sitzung aufgefordert werden, der Reihe nach etwas beizutragen. Das gilt auch, wenn es um ein Routinethema wie etwa die jüngsten Portfolioaktivitäten geht", sagt Sunil Krishnan, Leiter der Multi-Asset-Fonds bei Aviva Investors. „Bei wichtigen Themen sollten die leitenden Führungskräfte als Letzte sprechen, damit sie andere nicht beeinflussen.“

Der Sozialwissenschaftler Scott E. Page erläutert in seinem Buch The Diversity Bonus, dass verschieden zusammengesetzte Teams einen besonderen Vorteil haben: Sie können das Ergebnis komplexer Systeme besser vorhersagen – wie z. B. Marktentwicklungen. Dieser Effekt ist inzwischen so gut dokumentiert, dass er ein mathematisches Prinzip geworden ist.

Verschieden zusammengesetzte Teams können das Ergebnis komplexer Systeme besser vorhersagen

„Zwei Menschen mit der gleichen Ausbildung und Erfahrung betrachten die Welt auf ähnliche Weise. Ihre Vorhersagen hängen eng zusammen, korrelieren also. Deshalb bringt hier Vielfalt einen großen Vorteil. Wenn wir jemanden hinzuziehen, dessen Vorhersagen nicht so gut sind, dafür aber negativ mit den anderen korrelieren, wird die kollektive Vorhersage viel besser sein“, sagt Page.

Probleme

Die richtigen Menschen, am richtigen Ort, in der richtigen Umgebung: Führt man alle Aspekte des vernetzten Denkens zusammen, kann das den Unternehmen bei der Problemlösung helfen. Im Asset Management wird zum Beispiel die Bündelung von globalem Know-how genutzt, um übersehene Verbindungen zwischen Unternehmen und Branchen zu erkennen. Darin liegt ein Schlüssel, um Chancen zu identifizieren.

„Durch vernetztes Denken kann eine Informationsinfrastruktur aufgebaut werden, mit der wertvolle Erkenntnisse optimal erfasst werden – woher sie auch kommen. Zugleich werden die Informationen an den Ort geliefert, an dem sie am wertvollsten sind“, sagt Mikhail Zverev, Head of Global Equities bei Aviva Investors.

Durch vernetztes Denken kann eine Informationsinfrastruktur aufgebaut werden, mit der wertvolle Erkenntnisse optimal erfasst werden

Dies mag nach gesundem Menschenverstand klingen. Doch Studien zeigen, dass viele Investoren schlecht darin sind, Informationen auf diese Weise zu steuern und darauf zu reagieren. Im Jahr 2008 führten die Wissenschaftler Lauren Cohen und Andrea Frazzini eine Studie dazu durch. Diese zeigte ein hohes Maß an „Unachtsamkeit der Investoren“ bezüglich der Schnittstellen zwischen Unternehmen und ihren Lieferanten.

Ein weiteres Beispiel für die Rolle des vernetzten Denkens bei Investitionen ist die zunehmende Bedeutung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG). Einst als Nischenthema betrachtet, ist ESG heute als wichtiger Bestandteil des Entscheidungsprozesses bei Anlagen anerkannt – über alle Anlageklassen hinweg. Es kann zur langfristigen Wertschöpfung beitragen, Einblicke in wesentliche Risiken geben und die Unternehmensleistung in Bezug auf Nachhaltigkeitsthemen verbessern. Auf breiterer Ebene wird das vernetzte Denken bei ESG wahrscheinlich eine wichtige Rolle beim globalen Kampf gegen den Klimawandel spielen.

Vom Forschungsschiff Beagle bis zum Innovationszentrum bei Bell Labs, vom Handelsplatz bis zum Sportplatz: Immer wieder hat vernetztes Denken eine entscheidende Rolle gespielt, um Menschen zusammenzubringen und Probleme zu lösen. Angesichts des Klimawandels ­– der größten Herausforderung überhaupt – könnte es sogar dazu beitragen, den Planeten zu retten.

Referenzen

1. Der Wissenschaftler ist der Biologe Arturo Casadevall. Er hat versucht, die Graduiertenausbildung zu „ent-spezialisieren“, um den Studenten ein breiteres Spektrum an Fachwissen zu vermitteln. Siehe Epstein, Range.

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