Mit neuen Rekorden oder knapp darunter hatten die globalen Aktienmärkte einen fulminanten Start ins neue Jahr. Doch mit wachsender Angst vor einer KI-Blase macht eine Begrenzung von Verlustrisiken, ohne zu viel Aufwärtspotenzial opfern zu müssen, zunehmend Sinn.
Dieser Artikel beschäftigt sich mit folgenden Themen:
- Das Dilemma für Anleger angesichts des Höhenfluges von US-Tech-Aktien
- Optionen zur Reduzierung des Verlustrisiko bei einer Marktkorrektur
- Argumente für defensive, ertragsorientierte Strategien
Viele Anleger sind hin und her gerissen zwischen der optimistischen Einschätzung, dass die astronomischen Bewertungen wegen des revolutionären Potenzials der künstlichen Intelligenz durchaus gerechtfertigt sind, und der skeptischen Stimme in ihrem Kopf, dass die Situation heute keine andere ist als Ende der 1990er Jahre mit der dotcom-Blase, die letztlich auch geplatzt ist.
Einer neuen Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern zufolge sind zwar 42 Prozent der Befragten „long“ in den sieben größten US-Technologieunternehmen. Gleichzeitig sehen aber auch 33 Prozent die KI-Blase als das größte Extremrisiko, das der Gruppe damit die größte Sorge bereitet (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: A worrying contradiction? (per cent)
For illustrative purposes only and not intended as an investment recommendation.
Note: Reprinted by permission. Copyright © 2026 Bank of America Corporation (“BAC”). The use of the above in no way implies that BAC or any of its affiliates endorses the views or interpretation or the use of such information or acts as any endorsement of the use of such information. The information is provided "as is" and none of BAC or any of its affiliates warrants the accuracy or completeness of the information.
Source: Aviva Investors, Bank of America Corporation. Data as of October 2025.
Dieser scheinbare Widerspruch ist Spiegelbild der inneren Zerrissenheit von Anlegern am Aktienmarkt nach den enormen Kurssteigerungen: Sollen sie Kapital vom Aktienmarkt abziehen und damit das Risiko eingehen, bei der nächsten großen Rallye einfach nicht mehr dabei zu sein, oder weiter investiert bleiben und sich damit dem Risiko schmerzhafter Verluste aussetzen, wenn die Blase platzt.
Das Dilemma scheint umso unlösbarer, als auch traditionelle sichere Häfen wie Gold und Anleihen einem Aufwärtstrend folgen.
Unabhängig von einer Blasenbildung ist es jedoch nicht wegzudiskutieren, dass die Bewertungen vieler US-Tech-Unternehmen mittlerweile schwindelerregende Höhen erreicht haben, die angesichts der Tatsache, dass Venture-Capital-Geber, Investoren und die größten US-Unternehmen Billionen Dollar in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) investieren, kaum mehr zu rechtfertigen sind. Einem neuen Bericht der FT zufolge haben zehn KI-Startups, die noch Verluste schreiben, im vergangenen Jahr knapp 1 Bio. USD an Wert gewonnen.
Dies hat zu einer so starken Konzentration am Aktienmarkt geführt, wie wir sie bisher noch nicht erlebt haben (siehe Abbildung 2). Von jedem Dollar, der am US-Aktienmarkt investiert wird, fließen mittlerweile 38 Cent in nur zehn Unternehmen. Neun von zehn dieser Aktien sind dem Technologiesektor zuzurechnen, wenn man Tesla mitzählt.
Abbildung 2: Big tech’s rising dominance of US market (per cent)
Source: Aviva Investors, Datastream. Data as of January 26, 2026.
Mit der Rallye bei Technologie-Aktien ist nun auch der US-Aktienmarkt extrem hoch bewertet, sowohl im Vergleich zu anderen Aktienmärkten als auch im historischen Vergleich, wie anAbbildung 3deutlich wird. Das ist nicht nur ein Problem für Anleger, die gerne in US-Aktien investieren würden, sondern auch für Anleger mit einer globalen Ausrichtung, da US-Aktien heute einen größeren Anteil an globalen Indizes haben als je zuvor.
Abbildung 3: US stands out as most expensive market
Note: Valuation versus 15-year median (per above or below).
Source: Aviva Investors, Bloomberg. Data as of January 26, 2026.
Warum Anleger investiert bleiben sollten
Ein Fülle an Daten zeigt, warum Anleger weiterhin langfristig denken sollten. So verzeichnete der MSCI World Index in den letzten 30 Jahren eine Rendite von 8,3 Prozent p.a. In diesen Zeitraum fallen auch die Dotcom-Krise, die Finanzkrise und die Corona-Pandemie. Über einen Betrachtungszeitraum von 50 Jahren steigt die Rendite auf 9,9 Prozent.
Mit einem längeren Anlagehorizont sinkt auch das Verlustrisiko
Zudem sinkt mit einem längeren Anlagehorizont das Verlustrisiko. Unabhängig vom Einstiegszeitpunkt in den vergangenen 96 Jahren hätte ein Anleger in 87 Prozent der Fälle in dem darauffolgenden 5-Jahres-Zeitraum Gewinne gemacht. Über gleitende 10-Jahres-Zeiträume steigt dieser Wert auf 94 Prozent und bei einer Anlagedauer von 20 Jahren hätten Anleger immer Gewinne gemacht.
Diese Zahlen sind sicherlich ein starkes Argument dafür, investiert zu bleiben, ist präzises Market Timing doch selbst für erfahrene Anleger ein sehr schwieriges Geschäft.
So wäre ein Investment von 10.000 EUR in den S&P 500 im Jahr 1988 bis Ende 2024 auf 522.570 EUR angewachsen. Rechnet man die fünf besten Tage heraus, schmilzt dieser Betrag auf 233.056 EUR zusammen. Ohne die besten 40 Tage wären es nur noch magere 55.890 EUR.
Optionen, um auf Nummer sicher zu gehen
Doch trotz dieser erdrückenden Datenlage sind viele Anleger, auch am Aktienmarkt, einfach risikoavers. Nach dem anhaltenden Aufwärtstrend sind viele sicherlich stark daran interessiert, ihr Portfolio gegen Kursverluste abzusichern.
Doch angesichts der Kurssteigerungen bei nahezu allen Anlageklassen ist dies leichter gesagt als getan. Auch wenn einige versucht sein könnten, zu verkaufen und entsprechende Barbestände zu halten, dürften die meisten Anleger doch nicht in unbegrenzter Höhe Liquiditätsreserven vorhalten wollen. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in der Zentralbanken mit Zinssenkungen Inflationsrisiken eingehen.
Ertragsorientierte Anlagen liefern tendenziell stabilere Ergebnisse
Interessant könnte es für Anleger sein, im Rahmen ihres gesamten Aktien-Exposures den Anteil defensiverer, ertragsorientierter Strategien zu erhöhen.
Da ein Unternehmen, das bereits eine Dividende ausgeschüttet hat, leichter zu bewerten ist als ein Unternehmen, bei dem dies nicht der Fall ist, liefern ertragsorientierte Anlagen tendenziell stabilere Ergebnisse. Vor allem aber haben sich Aktien von reifen, Dividenden zahlenden Unternehmen in der Vergangenheit bei Verkaufswellen am Markt besser behauptet.
Richtig umgesetzt kann diese Strategie Anlegern eine gute Absicherung gegen Kursverluste bieten, ohne dass sie dafür zu viel Aufwärtspotenzial opfern müssen. Unter dem Strich waren Dividenden und Dividendenwachstum langfristig die Haupttriebfedern der Gesamtrendite am Aktienmarkt, wie ausAbbildung 4ersichtlich wird.
Abbildung 4: Total real equity returns (local currencies) over the past 30-years (per cent)
Past performance is not a reliable indicator of future performance.
Note: Rolling 10-year annualised real returns.
Source: Aviva Investors, Société Générale Research, Thomson Datastream. Data as of June 30, 2025.
Sektoren im Schatten des KI-Booms
In dem Hype um die Aktien von Unternehmen, denen der KI-Boom steigende Gewinne beschert, werden viele attraktiv bewertete Unternehmen in anderen Sektoren von Anlegern oft übersehen. Dies gilt auch für die USA, wo das Bewertungsniveau bei weitem nicht mehr so überzogen scheint, wenn man den Technologiesektor ausklammert.
Bewertungssensible Anleger, denen das Konzentrationsrisiko ein Dorn im Auge ist, finden außerhalb des Technologiesektors viele attraktiv bewertete Aktien. So sind Basiskonsumgüter und Gesundheit zwei traditionell defensive Sektoren, die im Vergleich zum breiteren Markt aktuell so günstig bewertet sind wie seit gut zwanzig Jahren nicht mehr.
In jedem Sektor gibt es viele Unternehmen mit Cashflow- und Dividendenwachstum
Auch wenn es dafür Gründe gibt, fallen bei näherer Betrachtung eine ganze Reihe von Unternehmen mit Cashflow- und Dividendenwachstum auf, die hier auch in Zukunft weiter auf Wachstumskurs bleiben dürften, auch wenn ihren breiter gefassten Sektoren gerade ein etwas rauerer Wind entgegenweht.
Wer glaubt, dass diese Sektoren nicht auch von KI profitieren werden, irrt. Unternehmen im Bereich nicht-zyklischer Konsumgüter geben viel Geld für Werbung und Marketing aus. KI birgt für diese Unternehmen das Potenzial, Kunden gezielter ansprechen zu können.
Gleichermaßen dürften Pharmaunternehmen davon profitieren, dass sich mit KI klinische Studien optimieren lassen, sodass neue Medikamente schneller auf den Markt gebracht werden können, was wiederum Produktivitätssteigerungen im Hinblick auf ihre hohen Investitionen in Forschung und &Entwicklung (F&E) bedeutet.
Für ein belastbares Urteil in der Frage „Blase oder nicht?“ ist es momentan noch zu früh. Die Rallye könnte noch eine Weile anhalten. Es sei daran erinnert, dass der Nasdaq Composite Index im August 1998 um fast 20 Prozent eingebrochen ist, seinen Wert in den 18 Monaten davor jedoch mehr als verdreifacht hat.
Doch wie die Ereignisse vor 25 Jahren zeigen, hat jede Aufwärtsbewegung irgendwann ein Ende. Wenn es auch noch nicht ganz so weit ist, so ist doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die aktuelle Phase der Dominanz einiger weniger Tech-Giganten irgendwann enden wird. Eine solche Rallye läuft sich jedoch nicht allmählich tot, sondern endet mit einem großen Knall. Wenn man sich an der Dotcom-Blase orientiert, wird es dabei weit mehr Verlierer als Gewinner geben.
Wie auch beim Dotcom-Boom werden wir wahrscheinlich einige große KI-Gewinner sehen
Wie auch beim Dotcom-Boom werden wir wahrscheinlich einige große KI-Gewinner sehen. Und im Gegensatz zu damals sind viele Unternehmen, die heute im Zentrum des KI-Booms stehen, hoch profitabel, liquiditätsstark und nur gering verschuldet.
Dennoch ist es nachvollziehbar, wenn viele Anleger weiteres exponentielles Wachstum am Aktienmarkt zunehmend skeptisch sehen. Während es für manche durchaus eine Option ist, Gewinne mitzunehmen, hat eine solche Strategie für die überwiegende Mehrheit große Nachteile, insbesondere vor dem Hintergrund des Inflationsrisikos.
Für diese Anleger könnte es die bessere Alternative sein, zumindest einen Teil ihres Aktienportfolios defensiver auszurichten. Auch wenn alle Aktien von einem Markteinbruch in Mitleidenschaft gezogen werden dürften, bieten ertragsorientierte Strategien sowohl Wachstumspotenzial als auch eine gewisse Absicherung gegen Kursverluste, die wertvoll sein könnte.